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Filmtipp
Der staunende Blick.

Bal (Honig)<br>Verleih: Piffl Medien GmbH

"Bal (Honig)", ein meisterhafter Film von Semih Kaplanoglu

Die Kindheit ist eine rätselhafte Welt voller Gerüche, Geräusche, Bilder. Im Film „Bal – Honig“ erkunden wir sie mit den Augen des achtjährigen Yusuf. Mit ihm bewundern wir den Mond, der sich im Wasser spiegelt, das Rauschen der Bäche, das Knacken der Äste, den Nebel über den Wiesen.

Yusuf lebt zusammen mit seinen Eltern am Rande dunkler, majestätischer Wälder in der türkischen Schwarzmeerregion. Gerne zieht er mit seinem Vater, dem Imker Yakup, los. Hoch in die Baumwipfel hängt der Vater seine Bienenkörbe, um später die süße Köstlichkeit herunterzuholen. Eine gefährliche Arbeit ist das, an einem Seil klimmt er die hohen Stämme empor.

Die Ausflüge von Vater und Sohn schärfen die Sinne der beiden, und auch die der Zuschauer. Oft unterhalten sich Yusuf und Yakup nur flüsternd, so als wollten sie Pflanzen und Tieren Respekt erweisen. Der türkische Regisseur Semih Kaplanoglu schafft Bilder von traumwandlerischer Entrücktheit. Zwischen Träumen und Wachen scheinen wir uns gelegentlich zu bewegen.
Mit diesem stillen, beinahe meditativen Werk hat der Regisseur im Februar dieses Jahres den Goldenen Bären der Berlinale gewonnen.

Doch man darf sich nicht täuschen lassen. Die vermeintliche Idylle in diesen Wäldern ist keine, und dies ist auch kein verklärender Film. Bald werden Yakups Bienen von einer Krankheit befallen. Immer tiefer muss der Honigsammler in die Wälder vordringen, um seine Bienenkörbe in die Wipfel zu hängen. Eines Tages kehrt Yakup (Erdal Besikcioglu) nicht mehr zurück, und von nun an warten wir zusammen mit Yusuf (Bora Atlas) auf den Vater.

„Honig“ ist der dritte Teil der Lebensgeschichte Yusufs. Regisseur Kaplanoglu hat die Trilogie rückwärts erzählt. Nach „Yumurta“ („Ei“, 2007) und „Süt“ („Milch“, 2009) ist „Honig“ der Abschlussfilm.

Von der komplizierten Erzählweise dieses Filmes muss man gar nichts wissen. Viel wichtiger ist es, sich einzulassen auf Yusuf, der so zart lächeln kann, so vorwitzig die Nase emporreckt, erst staunend und dann immer häufiger ängstlich blickt, jetzt, da der Vater verschwunden ist.

Allein rennt der Achtjährige den Weg entlang zur Schule. Im Unterricht verliert Yusuf, der so neugierig in den Wald hineinhorcht, jede Sicherheit. Es gelingt ihm einfach nicht, der Klasse das Gedicht vorzulesen, obwohl er zu Hause so sehr geübt hat. Stotternd und stockend sitzt er da. Später wird er seine Furcht mit kleinen Mutproben zu überwinden versuchen, als könnte er den Vater so zurück in das Holzhaus am Fluss zwingen. Das Glas Milch zum Beispiel, das er jeden Morgen trinken soll und das stets der Vater heimlich für ihn leerte, stürzt er nun in einem Zug herunter.

Bedrohung durch Tod und Verlust, das sind die Themen dieses sanften, verstörenden, wunderbaren Films.


"Bal (Honig)"
Türkei/Deutschland 2010
Regie: Semih Kaplanoglu
Drehbuch: Semih Kaplanoglu, Orçun Köksal
Kamera: Baris Özbiçer
Darsteller: Bora Altas, Erdal Besikçioglu, Tülin Özen, Alev Uçarer, Ayse Altay u. a.
Länge: 103 Minuten
Verleih: Piffl Medien GmbH
Kinostart: 09.09.2010