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Filmtipp
Irgendwie weiterleben...

Bilder (Pandora Filmverleih)

"Was bleibt", der großartige neue Film von Hans-Christian Schmid

Eine harmlose Familiengeschichte - das ist der Eindruck am Anfang dieses Films. Doch da sind die fragenden, sichernden Blicke, die die Gespräche zwischen Gitte, Günther und ihren beiden Söhnen Marko und Jakob vom ersten Moment an begleiten. Und dann passiert es: Gitte nutzt das heitere Familienwochenende, an dem man eigentlich Günthers frischen Ruhestand feiern wollte, um ihren Lieben mitzuteilen, dass sie nach dreißig Jahren Dauermedikation die Antidepressiva abgesetzt hat.  

Die Familie reagiert verstört, beunruhigt, entsetzt – nur der ältere Sohn Marko ist bereit, seiner Mutter zu vertrauen. Aber es geht bei dieser Entscheidung, wie sich rasch zeigt, gar nicht nur um die Mutter. Sie bringt, indem sie aus der Rolle der fürsorglich bevormundeten Kranken heraustritt, das gesamte Familiengefüge ins Wanken. Das System beginnt an den verschiedensten Stellen zu bröckeln, eingespielte Vertrautheiten offenbaren ihr aggressives Potenzial, verborgene Rivalitäten und Lügen treten zutage – und wie der Berliner Regisseur dies erzählt, macht "Was bleibt" zu einer eindringlichen, bitteren Lektion.  

Sparsamkeit ist das Hauptmerkmal der Inszenierung: eine zurückhaltende Kamera, minimaler Einsatz von Musik, fließende Schnitte. Genauigkeit prägt auch seinen neuen Film und verleiht diesem Kammerspiel mehr bedrohliches Potenzial als jede laute Dramatik. Das hervorragende Schauspielerensemble, Corinna Harfouch, Ernst Stötzner, Lars Eidinger, und Sebastian Zimmler agieren so konzentriert, durchdacht und gleichzeitig alltagsnah, dass sie Verständnis für die von ihnen dargestellten Figuren wecken, für deren Ängste und Scham, ihre müde, vergiftete Liebe füreinander und ihren jämmerlichen Wunsch nach Harmonie und Stabilität.  

"Was bleibt" – der Titel des Films hat kein Satzzeichen. Es bleibt offen, ob er die Frage stellt, "was bleibt?" – oder ob der Film wie nach einem Doppelpunkt eine Antwort auf diese Frage gibt. Was bleibt, wären dann Hilflosigkeit und der kleinmütige Versuch, weiter zu leben irgendwie, irgendwie anders, aber eben nur irgendwie.  

"Was bleibt"
Deutschland 2012
Regie: Hans-Christian Schmid
Drehbuch: Bernd Lange
Kamera: Bogumil Godfrejów
Darsteller: Corinna Harfouch, Birge Schade, Lars Eidinger, Ernst Stötzner, Sebastian Zimmler, Picco von Groote, Egon Merten u. a.
Länge: 85 Minuten
Kinostart: 6. September 2012

K 09/12